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Archiv für den Monat Mai 2012

Ein kräftiger Stoß versetzt sie in Bewegung. Nach kurzzeitigem Höhenflug beginnt ein zermürbender und turbulenter Absturz. Von allen Seiten angerempelt ist die Kugel nur noch ein Spielball ihres Käfigs, dem Flipperautomaten. Das System in dem sie gefangen ist lenkt und manipuliert sie wie SuperRTL eure Kinder.

Es sind nur wenige Sekunden, wenn die Kugel für einen Augenblick in der Schwebe steht, dass sie sich frei fühlen kann, dann wenn der letzte Schlag seine Kraft verliert und der nächste noch maximal weit entfernt ist. Kaum folgt das Kügelchen wieder den Gesetzen der Schwerkraft steuert es auf das nächste Unheil zu. Was wird es dieses mal sein? Ein schmerzhafter Sidekick, eine turbulente Ping-Pong Einlage oder gar der Absturz in das unendlich schwarze Loch wo der Tod auf sie wartet. So scheint dieses hin und her geschleudert zu werden doch der Lebensretter der Kugel zu sein. Sobald kein Schlag sie mehr trifft rollt sie ungebremst auf den Abgrund zu. Dort hin wo sie sich eine Hölle oder einen Himmel einredet, denn die Vorstellung da käme nichts mehr, nach ihrem all zu wichtigen Dasein, wäre doch all zu demotivierend.

So ereilt manch einen das Gefühl selbst auch nur Spielball unseres ganz spezifischen Systems zu sein. Kein Flipperautomat, doch gibt es Parallelen. Vom Tag der Geburt an werden dem jungen Menschen Strukturen anerzogen die typisch für den jeweiligen Kulturkreis sind. Dies macht so lange Sinn bis er eigenständig sein Leben meistern kann, dann allerdings werden die wenigsten aus den Strukturen ausbrechen können. Niemals wurde ihnen gesagt, dass es nicht nur dieses eine richtige Modell gibt. Es wurde ihnen beigebracht, dass „Richtig“ etwas ist, dass einmalig ist. Wenn, wie es ihnen beigebracht wurde, das System in dem sie leben gut und richtig ist, dann gibt es kein weiteres Richtig. Es gibt immer nur ein „richtig“. Eine in sich geschlossene Gesellschaft toleriert in den eigenen Reihen keine anderen Funktions- oder Denkweisen. Daher gibt es diesen Ausbruchsgedanken der sich durch die Generationen zieht. Der Mensch will frei sein, selbstbestimmt handeln und sich frei äußern können. Seine Lage jedoch ist ähnlich verzwickt wie die der Flipperkugel. Er ist in einem Systemkäfig eingeschlossen, und egal wo es ihn hintreibt, kommt er an den Rand wird er mit einer Wucht, wie sie nur die Rechte einer bayerischen Hausfrau noch aufzubringen vermag, zurück in die Mitte katapultiert. Völlig benommen und verloren taumelt er dann umher bis er die nächste Schelle kassiert, die ihn zurechtweist. So erzieht das System sich seine Gesellschaft durch die Zeit, nicht um sie zu schikanieren, sondern aus einem reinen nachhaltigen Profitgedanken heraus. Denn jeder profitiert von Gesellschaft, doch ist es das System, das funktionieren muss. Ist das Haltbarkeitsdatum eines Systems abgelaufen wird die Gesellschaft unruhig, bekommt angst, ist sich unsicher. Sie wird wütend wenn sich nichts bessert und richtet sich gegen das eigene System. Doch kann keine Gesellschaft ohne System weiter existieren, sie würde sofort zerbrechen. Also, System und Gesellschaft gehen Hand in Hand wie frisch verliebte Teenager. Das System wächst mit der Gesellschaft mit.  Je mehr sich einbringen können desto besser das Verhältnis von Gesellschaft zu System. Scheint das System eines Tages dem Volk aus den Händen zu gleiten, weil sich wenige Mächtige die Gestaltung des Systems unter den Nagel gerissen haben, kann dies nur Probleme mit sich bringen. Dann ist der Punkt erreicht an dem die Win-win-Situation nicht mehr besteht. Das System nutzt sein Volk aus, das Volk steckt in einer Zwickmühle. Es muss das System stürzen und neu strukturieren um das Gleichgewicht wieder herzustellen aber kann ganz ohne System nicht sein. Ein Einzelner kann weglaufen, eine Gesellschaft kann das nicht. Sie wird früher oder später zuschlagen müssen und über Leichen gehen wie ein Friedhofsgärtner.

Aber zurück zum Flipperautomaten und der kleinen Kugel die in ihrem ganz persönlichen Käfig ihr Dasein fristet. Was wenn wir über den Rand des Flipperautomaten hinausschauen. Uns das Wesen ansehen, das den Automaten schließlich bedient. Wer ist das? Ein Flipperkönig? Ein Überwesen? oder viel mehr Rainer von der Waschstraße der nach Feierabend seiner Spielsucht nachgeht? Wenn die Kugel ein Gesellschaftsmitglied ist, der Flipperautomat das System und sein Universum darstellt, dann muss Rainer das sein was man als Gott bezeichnen würde. Denn Rainer hält die Fäden in der Hand. Aber kann ein Gott wirklich spielsüchtig und Mitarbeiter bei einer Waschstraße sein? Zumindest hält er, Rainer, das Kügelchen am Leben. Rainer und seine Geschicklichkeit entscheiden über Leben und Tod, und wer lebt muss in diesem System augenscheinlich leiden. Aber vielleicht gibt es ja doch eine Lösung zu dem Problem, zumindest auf persönlicher Ebene.  Denn wie lange ist ein Problem ohnehin ein Problem? Solange bis es gelöst ist sollte man meinen. Aber welches Problem ist schon jemals wirklich vom Tisch? Meist schafft man sich Probleme vom Halse indem man sich früher oder später Abfindet, indem man akzeptiert. Also akzeptiert man sein fremdgesteuertes Leben, findet sich mit seinem Käfig ab und kann dann beginnen das Positive an seinem Leben zu sehen und sein Glück zu finden. Man löst sich vom Gefühl gefangen zu sein ohne aus dem System auszubrechen, man findet seinen ganz eigenen Weg inmitten eines existierenden Straßennetzes, denn unser System ist doch um einiges flexibler und komplexer als ein Flipperautomat. Der Druck von außen, die Ängste können einen Menschen blind für die Abzweigungen werden lassen. Die Erziehung schickt dich auf eine Schnellstraße die nicht jedermanns Sache ist. Wer von dieser Autobahn abfährt wird sich erst orientieren müssen und viel Zeit damit verbringen Routen abzufahren die einem nicht zusagen. Am Ende lohnt sich dieser Ausflug immer. Entweder um dort sein Glück zu finden, oder zu erkennen, dass die Schnellstraße doch gar nicht so schlecht war wie man sie wahrgenommen hatte und eben diese wieder aufzusuchen.

So sehr das für den Einzelnen funktionieren mag, das Problem mit dem Ungleichgewicht zwischen System und Gesellschaft bleibt bestehen. Sobald eine Gesellschaft beginnt ihr System mehr und mehr als Käfig wahrzunehmen beginnt die Waage zu wanken. Wie jedes Ungleichgewicht, wird auch dieses irgendwann zum Absturz führen.