Hoppel-Hase

Du kleiner Hüpfer du. Du kleiner, hopsender Hoppel-Hase. Du naives kleines Kaninchenwesen. Die Lebensfreude scheint dich abzustoßen, doch liegt es an deiner gummiartigen Beschaffenheit, dass du überall abprallst – Du Gummi-Hase du!

Und sie hoppelten…

Der Sprung verhalf ihnen zu einem Adrenalinstoß, der sie kurzzeitig von ihrem tiefsitzenden Gefühl von in Angst getränkter Bedeutungslosigkeit ablenkte. Der kurze Moment in der Luft ließ sie träumen und für wenige Sekunden fühlten sie sich losgelöst von sämtlichen Zwängen. Also hoppelten sie weiter, sprangen von oben nach unten, hinten nach vorne, links nach rechts. Blieben niemals lange an einer Stelle  – blieben nie lange bei einer Sache. Sobald es unangenehm wurde wechselten sie das Terrain.

Sie versuchten die Alternativlosigkeit, ihres von fremder Hand vorgefertigten Lebenswegs, irgendwie erträglich zu machen – Durch Verdrängung. Das Hoppeln als Verdrängungsinstrument gab ihnen das Gefühl nicht gefangen in einer Maschinerie zu sein, die sie nur loslassen würde wenn sie sich einem Leben in Armut, im Abseits, fernab gesellschaftlicher Anerkennung widmen würden. Das Hoppeln war ihr Leben, ihr Pseudosinn, das Mittel ihre Träume greifbar nah erscheinen zu lassen, waren diese doch angesichts ihrer Herangehensweise unendlich fern. Wer rastet rostet. Ruhe und Stillstand trieb sie in den Wahnsinn wie Carmen Geiss ihren Mann. Schnell wurden sie ungeduldig. Ungewollte Gedanken sprießten in ihren kleinen Kaninchenhirnen. Sie suchten also sich abzulenken, das Hoppeln, ein probates Mittel den unsichtbaren inneren Jäger auf Distanz zu halten. Ein Jäger in Form eines inneren Unterdrucks, einer bedrückenden Leere die nach Inhalt dürstet. Eine wählerische Leere die sie trieb, sie mit dem zu füllen was sie zufrieden stellen würde. Sie steckten in der Zwickmühle selbst Jäger und Gejagte zu sein, aber wie aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Nichts schien zu funktionieren. Sie hoppelten von Geld über Konsum zu Arbeit, Reisen, Pringles, Kinderschokolade und Medikamenten. Nichts von alle dem konnte die innere Leere langfristig ausfüllen. Also suchten sie weiter und sprangen von Angebot zu Angebot, von Lifestyle zu Lifestyle, von Partner zu Partner, von Wohnort zu Wohnort, von Überzeugung zu Überzeugung, von RTL zu RTL II und zurück. Sie konsumierten Leben statt es zu leben. Denn dazu waren sie nicht in der Lage. All zu fremd waren sie sich geworden – kannten sich selbst nicht. Kannten nur das was aus ihnen gemacht worden war und was sie nicht rechtzeitig, nicht korrekt zu bekämpfen wussten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Müde vom vielen Springen setzten sie sich eines Tages erschöpft und ausgelaugt auf den Boden der scheinbaren Tatsachen. Sie fühlten sich elend, als hätten sie ein dutzend Biere und eine Flasche günstigen Amaretto auf leeren Magen gekippt. Sie hatten alles ausprobiert. Sie hatten alles „angetestet“, hatten die Welt bereist, sämtliche 5 Minuten Terrine Geschmacksrichtungen in ihrer Einbauküche zubereitet – um nichts zu verpassen. Nichts hatte die Leere füllen können. Sie hatten versucht Sinn und Sicherheit zu konsumieren als wären dies simple Güter gleich einer Handtasche oder einer Thailänderin. Sie waren von Beginn an zum Scheitern verurteilt, denn sie zogen ohne Schlachtplan in einen Krieg um ihr Selbst, um die Integrität ihres Wesens.

Ein Krieg deshalb, weil „Das System“ alles tat um die Häschen auf ihrem Weg zur Selbstfindung auf die falsche Fährte zu locken. Unbemerkt schickte es sie wieder und wieder durch ein und die selbe Spirale. Ein Mensch der mit sich selbst im Reinen ist, ist schwer zu kontrollieren, zu steuern und zu übermäßigem Konsum zu motivieren. Der Mensch muss ein gewisses Maß an Angst und Leere verspüren, um der wirtschaftlichen Effizienz und der politischen Stabilität willen. „Das System“ war wohl organisiert und überließ nichts dem Zufall. Es war perfide und hinterhältig, hatte sich unbemerkt in ihren Köpfen breit gemacht, um seine Psychoseuche anzusiedeln. Ein Drogencocktail, gleichermaßen gespickt mit Uppern und Downern, was bei den Infizierten gezwungenermaßen zu innerer Zerrissenheit führte.  Einen klaren Gedanken zu fassen schien unmöglich.

Sie resignierten also, akzeptierten etwas von dem sie nicht einmal wussten was es war, blieben auf dem letzten Feld stehen und entschieden sich, sich mit dem „Nicht-Finden“ abzufinden. Mit der Leere zu leben. Damit zu leben ein Leben zu leben, dass nicht ihres war. Damit zu leben sich Glück und Lebensfreude von nun an anzulügen. Sie hatten ihr um Hilfe schreiendes inneres Kind, angesichts der vielen Reize von Außen überhört und somit die Angst und Leere überhand gewinnen lassen. Er war also nach wie vor da, ihr innerer Jäger. Ihre Augenbinde ermöglichte es ihnen zumindest zu glauben er könnte weg sein. Doch hatte er nur darauf gewartet, dass die kleinen Hoppel-Häschen müde und unaufmerksam werden, wie Schulkinder nach 5 Minuten Unterricht. Er war nun bereit seinen Zug zu machen, pirschte sich im gelbgrauen, vertrockneten Gras der Verdrängung an und überwältigte seine Beute mit einer Selbstverständlichkeit wie sie nur noch ein Hedgefonds-Manager beim Fixen im Park an den Tag legen könnte.

„Hoppla!“. Da standen sie nun. Endgültig zu keinem klaren Gedanken mehr in der Lage. Von der Angst gelähmt, von der Leere erdrückt. Nur noch kümmerliche, wartende Wesen. Warten auf die hoffentlich finale Erlösung – den Tod.

Haltet die Ohren steif,

DerLabersack

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